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Vor 30 Jahren wurde der erste Windpark in Deutschland in Betrieb genommen. Damals glaubten nur wenige daran, dass in der Windkraft unsere Zukunft liegt. Besonders die Energiewirtschaft konnte der nachhaltigen Energiegewinnung nichts abgewinnen. Heute hat die Windkraft einen Anteil von rund 27 Prozent am deutschen Energiemix. Aber der Ausbau der Windenergie lahmt seit einigen Jahren. Woran liegt das? Über „Die große Flaute: Wer oder was bremst den Ausbau der Windenergie aus?“ diskutierten am Dienstagabend Prof. Claudia Kemfert (Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Co-Vorsitzende im Sachverständigenrat für Umweltfragen SRU der Bundesregierung), Dr. Axel Röpke (Bundesverband WindEnergie e.V.) und Sebastian Averdung (Averdung Ingenieure & Berater GmbH, Vorstandsvorsitzender des Clusters Erneuerbare Energien) beim Zukunftsdialog von Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Bucerius Law School und Hamburger Klimawoche.

Das Eneuerbare-Energieen-Gesetz (EEG) ist das Steuerungsinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Im Januar 2021 wurde es gerade aktualisiert. „Das EEG wird immer mehr verschlimmbessert“, kritisiert Prof. Claudia Kemfert. Die Rahmenbedingungen für Windkraftanlagen wird verschlechtert, es fehlt an der Ausweisung geeigneter Flächen, die Verfahren sind bürokratisch und zeitraubend und es gibt eine abnehmende Akzeptanz, darüber waren sich die Diskutant*innen einig. „Wir haben ein strukturelles Problem, ein permanentes Verzögern“, so Dr. Axel Röpke. Nahezu jede Genehmigung für eine Windkraftanlage würde beklagt. So würden die Verfahren von der Idee bis zur Realisierung gerne drei bis vier Jahre dauern. „Warum muss ein Projekt wie die Energiewende mit dem Bau einer Autobahn gleichgestellt werden“, fragt Röpke. „Unser übergeordnetes Ziel ist, die Klimakrise zu bewältigen.“

„Wir benötigen 100 Gigawatt neue Windkraftanlagen in den kommenden zehn Jahren“, sagt Sebastian Averdung. Um das zu erreichen, müsste jedes Bundesland ausreichend Flächen ausweisen. Und es brauche eine „Entwirrung des Regelwerkes“. „Wenn sich alle zwei Jahre die Rahmenbedingungen ändern, dann sorgt das für Unsicherheit“, sagt Averdung. Kemfert forderte ein „Windenergie-Ausbaugesetz“. „Wir müssen wegkommen von den pauschalen Abstandsregelungen, weil so die möglichen Flächen extrem reduziert werden.“ Beim Ausbau der Windenergie müssten „Systemrelevanz und Versorgungssicherheit“ eine Rolle spielen. Kemfert: „Wir laufen sehendes Auges in eine Ökostromlücke rein, wenn wir die Ausbaumengen, die jetzt angestebt werden, nicht verdoppeln.“

2019 war ein ganz schlechtes Jahr für den Ausbau der Windenergie. Und auch wenn es 2020 eine Steigerung der neuen Anlagen gab, reicht es bei weitem nicht aus, um die deutschen Klimaziele und die Dekarbonisierung der Wirtschaft zu erreichen. Laut Bundesverband WindEnergie brauchen wir jährlich neue Anlagen mit 5000 bis 6000 Megawatt, besser 10.000, wie von Sebastian Averdung gefordert. 2020 waren es nur gut 1400.

Einig waren sich die Expert*innen, dass die Akzeptanz der Windenergie in der Bevölkerung gesteigert werden muss. Die schweigende Mehrheit muss aktiviert werden, bisher höre man nur eine laute Minderheit, die gegen die Windenergie mobil macht. „Die Proteste sind oft getrieben von Einzelnen, die Einzelinteressen haben“, so Axel Röpke. „Es gibt eine Kampagne gegen die Windkraft. Sobald man aufklärt, erhöht man die Akzeptanz“, sagt Claudia Kemfert. „Die Energiewende ist gelebter Naturschutz.“ Die alternative wären Umweltverschmutzung und Klimawandel. Auch über die Auswirkungen von Kohle- und Atomkraft müsse die Wissenschaft aufklären. Unbestritten ist, dass Windkraftanlagen eine Gefahr für Vögel darstellen – besonders für Greifvögel. Es wird geschätzt, dass jährlich 100.000 Vögel durch Windkraftanlagen zu Tode kommen. Allerdings: Allein im Straßenverkehr sterben jedes Jahr geschätzte 10 Millionen Vögel. Trotzdem kommt keine*r auf die Idee, deswegen die Abschaffung des Auto- und Lkw-Verkehrs zu fordern.

Auch das Thema Repowering, also das Ersetzen alter Anlagen durch neue (meist mit einem höheren Wirkungsgrad) war Thema der Diskussion. „Wir müssen eine Kehrtwende machen und keine Anlagen der ersten Generation zurückbauen“, fordert Axel Röpke. „Sondern sie ausbauen. In Dänemark laufen Anlagen so lange, wie sie funktionieren.“ In Deutschland dagegen nur so lange, wie die EEG-Förderung laufe. Röpke bezeichnete die Windbranche als eine „Super-Industrie.“ Und es sei „ein Skandal“, dass die Chance der Windkraft nicht genutzt würde. „Das sind Arbeitsplätze der Zukunft.“

Moderation der Diskussion: Liv Hagmann, Bucerius Law School.

Foto: Moderatorin Liv Hagmann (links oben), Sebastian Averdung, Dr. Axel Röpke und Prof. Claudia Kemfert.